Wollt auch ihr gehen?

Altarkreuz

Wollt auch ihr gehen?

Predigt von Pfarrer Koschig zum 21. Sonntag, Lj. B – Joh 6,60-69

 

Aus der Kirche austreten, das liebe, Gemeinde, liegt derzeit voll im Trend. Im Jahr 2020 sind in Deutschland 221.390 Personen aus der römisch-katholischen Kirche ausgetreten. Im Bistum Magdeburg waren es 739 und in unserer Pfarrei mit 76 prozentual überdurchschnittlich viele. Ich betreibe keine Zählsorge, aber die Zahlen schlagen mir auf den Magen. Da gibt es nichts zu beschöni­gen: unsere Kirche steckt in einer Krise. „Wollt auch Ihr gehen?“!

Was antworten Sie denen, die uns die Schattenseiten von Verlogenheit, Miss­brauch, Eitelkeit und Habgier vor Augen halten und fragen, warum wir einem solchen Laden immer noch die Treue halten? Ist das nicht unverantwortlich?

Unverantwortlich ist es, die dunklen Seiten meiner Kirche nicht beim Namen zu nennen. Unverantwortlich ist aber auch, das zu übersehen, was die Kirche geleistet hat und zu leisten in der Lage sein könnte.

Die Kirche ist oftmals menschenverachtend, verletzend, bevormundend und angstmachend aufgetreten. Deshalb fordern manche, sich endlich von diesem Über-Ich zu lösen, frei und selbstbestimmt zu leben. Was aber bleibt, wenn ich alles selbst bestimme? Wenn es keinen Maßstab mehr gibt, an den auch ich mich zu halten habe? Wer Gott abschafft, schafft neue Götzen an. Wer sich vom Absoluten emanzipiert, setzt sich selbst absolut. Die Folge ist nicht das Paradies menschlicher Freiheit auf Erden, sondern die Hölle egozentrischer Interessen. Paradebeispiel dafür ist die Französische Revolution. Sie rief eine Religion der Vernunft aus. „Michel Vovelle, Frankreichs führender Re­vo­lu­tions­histo­riker erklärte, allein während der Schreckensherrschaft (Juni 1793 bis Juli 1794) haben 50.000 offizielle und summarische Hinrichtungen stattge­funden, das heißt, es wurden ungefähr 0,2 Prozent der Bevölkerung ge­tötet. Das sind in diesen 13 Monaten genauso viele Opfer wie bei allen Hexen­verfolgungen in ganz Europa in 400 Jahren zusammen; und zehnmal so viel wie alle Opfer der spanischen Inquisition in 350 Jahren.“[1] Alles im Namen der Vernunft! Ist es verantwortlich, der menschlichen Vernunft mehr zu trauen als dem Urgrund allen Lebens, aller Liebe, als Gott?

Wir genießen heute die Vorzüge des Sozialstaates. Die Wurzeln liegen nicht in der griechischen Philosophie oder im römischen Recht. Sie liegen in der Bibel, im Judentum. Die alte Kirche hat die jüdische Pflicht der Sorge um die Notleidenden aufgenommen und baute Hospitäler, Hospiz- und Armenhäuser und erfand so die organisierte Wohltätigkeit. Wer Christ wird, bekennt sich dazu, dass alle Menschen die gleiche Würde haben, weil alle Kinder des einen Gottes sind. „Der Religionssoziologe Hans Joas sieht in seinem Buch „Glaube als Option“ die Menschenrechte erst dort ge­sichert, wo man den Einzelnen mit transzendenter Heiligkeit umkleide und dadurch un­antastbar mache. Die Men­schenwürde zehrt von transzendenter Überhö­hung … Der eine und einzige Gott begründet die Einheit der Mensch­heitsfamilie und damit die Gleichheit aller Menschen. “[2] Ist es verantwortlich diesen göttlichen Bezug aufzugeben und zu riskieren, dass der Zeitgeist uns einredet, die universale Gleichheit aller Menschen durch neue Nationalismen in Frage zu stellen?

Das, liebe Gemeinde, sind nur zwei Punkte, die zeigen, dass es bei allem, was es an kirchlichen und menschlichen Versagen in unseren Reihen gibt – was  weder verdrängt noch beschönigt werden darf – doch sinnvoll ist, für den ein­zustehen, der den Menschen die universelle Liebe gepredigt hat, Jesus von Nazaret. Oder um es mit Petrus zu sagen: „Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens.“ Das verlangt von uns aber auch, Jesus ernst zu nehmen, seinem Wort zu folgen und nicht eine Tradition oder ein kirch­liches Gesetz heilig zu sprechen.

Wenn Jesus eine Frau beauftragt hat, den Männern die Osterbotschaft zu ver­kün­den, können Männer nicht einfach sagen, es sei ein- für allemal entschie­den, dass die Dienstämter in der Kirche für Frauen nicht möglich sind. Wenn Jesus einer Ehebrecherin eine neue Chance eingeräumt hat, kann kein Papst und kein Bischof weiter darauf pochen, dass es für wiederverheiratet Geschie­dene keine Sakramente geben darf. Wenn Jesus uns lehrt, dass jeder Mensch – so wie er ist – von Gott geschaffen wurde, können wir nicht andere wegen ihrer sexuellen Prägung ausgrenzen. Wenn Jesus uns mahnt, wahrhaftig zu sein, ist es unerträglich, wenn in der Kirche Unmoral verschleiert wird und Opfer von geistlichen und körperlichen Missbrauch in den seelischen Hunger­tod getrie­ben werden. Wenn Jesus seinen Jüngern im Streit um die besten Plätze zuruft, dass der Erste allen zu dienen hat, dann ist es ein Unding, dass Kleriker eine Sonderstellung beanspruchen.

Um es klar und deutlich zu sagen: ich liebe meine Kirche – obwohl ich all die Fehler sehe. Denn Kirche ist in all ihrer menschlichen Schwäche trotzdem der Verweis auf Gott, Zeichen des Heils, das Gott allen Menschen schenken will. Unsere zerrissene und oftmals egozentrische Welt braucht die Kirche, um sich nicht selbst zu überhöhen und am Ende an sich selbst zugrunde zu gehen. Ich brauche die christliche Botschaft, die mir die unverdienbare, unendliche Liebe Gottes zusagt. Diese Liebe gibt meinem Leben einen verläss­lichen Rahmen und hilft mir, mit ihnen zusammen, nach einer Gestalt von Kirche zu suchen, die glaubwürdig die Worte des ewigen Lebens verkündet. Amen.

[1] Manfred Lütz, Der Skandal der Skandale. Die Geschichte des Christentums, Herder Freiburg i. Br. 2018, S. 192

[2] Arnold Angenendt, Was hat das Christentum Gutes gebracht. In CiG Heft 33/2021, Herder Freiburg 2021, S.


Recommended Posts