Visitation unserer Pfarrei durch den Bischof

Visitation unserer Pfarrei durch den Bischof

Vom 13.-15. April 2018 war unser Bischof Dr. Gerhard Feige in unsere Pfarrei.

An diesen drei Tagen kam er mit vielen Menschen ins Gespräch.

Am Samstag machte er sich mit Jugendlichen der Stadt und Gemeinden Gedanken um die Zukunft der Kirche im Raum Halle.

Im Gottesdienst am Sonntag predigte Bischof Feige zum Thema:

Der Weg über den Jordan

Predigt zu den Visitationen 2018 / Lesungstext: Jos 1, 1-5

„Wenn die Kirche über den Jordan geht“. Könnte man angesichts der Entwicklungen in Deutschland nicht manchmal diesen Eindruck haben? Überall gibt es einschneidende Veränderungen. Auch unser Bistum ist davon betroffen. Aus unterschiedlichen Gründen nimmt die Zahl der Christen ab, nicht nur an Hauptamtlichen, sondern auch insgesamt. Gemeinden müssen stärker zusammenrücken; nicht alle Gottesdienstorte bleiben auf Dauer bestehen. So manches lieb Gewordene und Gewohnte kann nicht mehr so weitergeführt werden, wie es vielleicht jahrzehntelang möglich war. Schmerz und Trauer kommen auf, gerade auch bei denen, die in ihren Gemeinden eine wirkliche Heimat gefunden haben. Manche mögen sich fragen: Wohin führt das alles? Gibt es uns in einigen Jahren überhaupt noch? Oder geht die Kirche über den Jordan?

„Über den Jordan gehen“: das ist für viele heutzutage eine etwas schnoddrig klingende Umschreibung für „Sterben“. Man verwendet diese Redewendung auch, wenn etwas kaputtgeht. So habe ich es erst neulich wieder gehört: „Zu allem Überfluss ist jetzt auch noch mein Rechner über den Jordan gegangen.“

Es stimmt, dass wir in einer Zeit tief greifender Umbrüche leben. Da lässt sich nichts beschönigen. Wer einigermaßen realistisch auf unsere kirchliche Situation schaut, stellt fest, dass kaum etwas so bleiben wird, wie es einmal war. Da kann einem schon der Gedanke kommen, dass es mit der Kirche hier zu Ende geht.

Doch das ist nur die eine Seite der Medaille. Was ist jedoch mit der Redewendung „über den Jordan gehen“ noch oder eigentlich gemeint? Leider ist ihr tieferer Sinn im Lauf der Zeit weitgehend verloren gegangen. Ursprünglich kommt dieser Satz nämlich aus der Bibel, aus dem Alten Testament. Da haben wir ja vorhin in der Lesung eine Stelle aus dem Buch Josua gehört, wo es genau darum geht. Das Volk Israel soll über den Jordan ziehen – aber eben nicht, um darin unterzugehen, sondern um am anderen Ufer das verheißene Land zu finden.

Am Jordan hat das Volk Gottes schon einiges hinter sich: die Gefangenschaft in Ägypten, den Aufbruch unter der Führung des Mose, die Rettung am Schilfmeer und schließlich einen langen Weg durch die Wüste. Dieser sogenannte Exodus – der Auszug aus Ägypten ins Gelobte Land – ist nicht nur eine Geschichte, die in der Vergangenheit spielt. Sie wurde schon immer als Grundgeschichte des jüdisch-christlichen Glaubens gedeutet. Denn die Israeliten haben dabei die Erfahrung gemacht, dass Gott es war, der sie zu diesem Wagnis gerufen hat – und dass er diesen ganzen Weg selbst mitgegangen ist.

Immer neu geht es im Glauben darum, sich zu einem Aufbruch herausrufen zu lassen. Und immer führt dieser Aufbruch nicht schnurstracks ins Gelobte Land, sondern durch Gefahren und durch eine Wüste hindurch bis an den Jordan.

Tatsächlich weist die gegenwärtige Krise unserer Kirche und unserer Gemeinden Parallelen zu dieser Geschichte auf. Was für das Volk Israel der Auszug aus Ägypten war, ist bei uns das Schwinden vieler Formen von Christsein, die wir lange Zeit gewohnt waren. Man könnte sogar sagen: „Eine Sozialgestalt von Kirche geht nicht zu Ende, sie ist zu Ende“. Und wie die Israeliten in der Wüste wünschen wir uns oft nach den Fleischtöpfen Ägyptens zurück – das heißt: in die Vergangenheit, die uns geprägt hat und in der gewissermaßen die Kirche noch im Dorf war. Die Wüste, in der wir uns gegenwärtig befinden, erscheint uns dagegen als Ort, an dem wir allen Mut und alle Orientierung verloren haben. So wie sich die Israeliten in der Wüste immer wieder einmal aufgelehnt haben, kann auch uns manchmal ein großes „Murren“ überkommen.

Doch nun zeigt sich in der biblischen Geschichte, dass die Wüstenzeit nicht das Ende bedeutet, sondern auf etwas Neues vorbereitet. Und dieses Neuland liegt eben jenseits des Jordans. Das heißt, es kann nur durch einen mutigen Schritt über den Fluss hinüber erreicht werden.

Wenn wir also nicht in der Wüste stehen bleiben wollen, müssen wir tatsächlich über den Jordan gehen. Der Weg zurück ist nicht mehr möglich. Und wir müssen auch Ballast abwerfen. Man kann auf einer Wanderung nicht immer alles mitschleppen. Dabei ist der Schritt über den Jordan nicht leicht. Aber Gott hat seinem Volk – und damit auch uns – versprochen, dass er uns dabei helfen wird.

Und wohin soll es dabei gehen? Wie sieht das Ziel aus? Was erhoffen wir? Schwebt uns eine globale und totale Volkskirche vor Augen, vielleicht ein christlicher Gottesstaat auf Erden? Sehen wir uns als „heiligen Rest“ Getreuer, die sich aus der Welt zurückziehen oder gegen sie ankämpfen? Oder verstehen wir uns als eine Gemeinschaft von entschiedenen und dialogbereiten Gläubigen, die sich einer pluralen Gesellschaft stellen und fest daran glauben, dass diese Situation alles bereit hält, um den Glauben frohen Herzens zu leben und zu verkünden? Dann könnte uns neu bewusst werden: Wir sind keine Volkskirche, wie es sie in manchen westlichen Bundesländern einmal gab und mancherorts vielleicht noch gibt; wir sind auch nicht mehr die Diasporakirche, wie wir sie zu DDR-Zeiten gelebt haben. Wir erkennen uns vielmehr hier und jetzt als einen neuen Typus von missionarischer Ortskirche – oder, wie ich es schon öfters formuliert habe – als schöpferische Minderheit, die in ökumenischem Geist und in Zusammenarbeit mit anderen Partnern in der Gesellschaft den Auftrag Jesu erfüllen möchte: allen Menschen Anteil an der Hoffnung zu schenken, die er uns geschenkt hat.

Dabei kommt es wesentlich auch darauf an, was wir unter Kirche verstehen. Erwarten wir in ihr eine heile Welt mit Christen als idealen oder wenigstens besseren Menschen oder lassen wir uns einreden, die Geschichte des Christentums sei eine einzige Kriminalgeschichte und die Kirche ein regelrechter Horrorverein? Teilen wir die Unterstellung, bei unserer Kirche handle es sich auch nur um eine Ideologie, ein geschlossenes Disziplinierungssystem, oder trauen wir es ihr zu, ein Erfahrungsraum von gottgewirkter Freiheit zu sein? Ist sie für uns auch nur lediglich eine Organisation, die wir managen und gestalten, oder ist uns Kirche tiefer und inniger bewusst als Volk Gottes und Gemeinschaft von durch Gott Herausgerufenen und Auserwählten, als Leib Christi mit dem Kyrios, dem auferstandenen Herrn, als Haupt, als Tempel des heiligen Geistes, der ihr Leben verleiht, sie heiligt und in die volle Wahrheit einführt? Die Kirche ist keine Demokratie, aber auch keine Monarchie. Und Heiligkeit meint nicht ethische Vollkommenheit, sondern Gottes Anwesenheit in ihr. Als göttlich-menschliches „Mischwesen“ erscheint sie als das große Geheimnis und Sakrament, das die innigste Vereinigung der Menschheit mit Gott und der Menschen untereinander anzeigen und bewirken soll. Kirche ist das, was sie ist, letztlich nicht aus sich selbst oder unser Werk. Sie lebt vielmehr davon, immer wieder mit den Gütern des Heils beschenkt zu werden. Und doch kommt es auf jeden und jede von uns an.

Entscheidend ist dabei jedoch, ob wir tatsächlich an Gott glauben und auf ihn setzen. „Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht“ – so sagt Gott zu Josua, der das Volk Israel über den Jordan führen soll (Jos 1, 5). In dem Maße, in dem wir uns voller Vertrauen auf diesen Gott einlassen, werden wir es auch fertig bringen, mitten in unseren kleinen Verhältnissen die Spuren seiner Gegenwart zu entdecken und auch anderen zu erschließen. Dann haben wir hoffentlich auch die Kraft und den Mut, die nötigen Schritte in die Zukunft zu gehen.

Geht die Kirche über den Jordan?  – Ich hoffe es!


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