“Alle Formen der Machtausübung in der Kirche müssen auf den Prüfstand – Gedanken von Pfarrer Magnus Koschig zur Sonntagspredigt und zum Missbrauchsskandal in der Kirche”

ein gelbes Herz, aufgesprüht auf ein Garagentor

Predigt zu 24. Sonntag im Jahreskreis – Lesejahr B
Markus-Evangelium Kapitel 8, Verse 27-35 am 15./16. September 2018

Wir sind als Kirche darauf angewiesen, in der Öffentlichkeit akzeptiert und geachtet zu werden. Dies geschieht nur, wenn wir glaubwürdig sind in dem, was wir tun und unterlassen, denn das einzige Kapital, mit dem wir wuchern können, ist Vertrauen: das Vertrauen, das Menschen in uns setzen. Und genau das hat die Kirche verspielt. Verspielt durch Intransparenz in Finanzfragen, durch unglaubwürdige Personalpolitik und v.a. durch die Scheinheiligkeit, die durch die Missbrauchsfälle ans Licht getreten ist. Die aktuelle Missbrauchsstudie, die noch nicht veröffentlicht ist, nennt für Deutschland zwischen 1946 und 2016 als Untergrenze – wohl gemerkt als Mindestzahl: 3.677 Opfer und 1.670 Täter. Das stinkt zum Himmel; da hilft es nicht, allein um Vergebung zu bitten, da braucht es tiefgreifende Entscheidungen, da braucht es tiefgreifende Veränderungen.

Der Leib Christi, die Kirche, ist durch das Böse des sexuellen Missbrauchs zerfetzt. Und ich stehe ohnmächtig, wütend und fassungslos hier vorn und kann nur ahnen, was an Bösartigkeit das Böse, das meine Mitbrüder im priesterlichen Amt anderen angetan haben, nun hervorbringen wird. Häme ist noch das Geringste. Wie aber kann und soll ich reagieren, wenn es wieder einen Generalverdacht gibt?

Was muss in meiner geliebten Kirche geschehen, damit eine Tür geöffnet wird, durch die Vertrauen ganz langsam und behutsam wieder Platz finden und wachsen kann?

Eine Spur legt das Evangelium, das wir gerade gehört haben. Linolschnittartig zeigt es eine große Gefahr der Kirche auf. Nachdem Petrus den Glauben in überzeugender Weise bekundet hat, zeigt Jesus die Konsequenz des Glaubens auf. „Der Menschensohn muss vieles erleiden und wird getötet werden.“ Leid, Erniedrigung, Demut, Ohnmacht, Hilflosigkeit – so hat sich Petrus das Ganze aber nicht vorgestellt. Er wollte teilhaben an der Macht des Messias, an der Weltherrschaft und am Weltgericht. Er wollte einen Ehrenplatz und eine Sonderbehandlung. Er wollte die Tiara auf dem Kopf, die Krone, die über jede Kaiserkrone hinausragt. Das aber – da sollten wir genau hinhören – nennt Jesus satanisch, das nennt Jesus, der Christus, die Wurzel allen Übels, allen Bösen. „Weg mit dir, Satan, geh mir aus den Augen. Denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen.“
Ja, das beste Glaubensbekenntnis, der frömmste Gottesdienst helfen überhaupt nichts, wenn wir Gott nur als moralische Beschwichtungsformel, als Ausrede für ideologische Verengung und für die Durchsetzung eigener Interessen missbrauchen. Ein Glaube, der dem Leben nicht dient, der sich nicht einsetzt für das Wahre, das Gute und Schöne, ist nutzlos, ja schlimmer noch, er ist bösartig und zerstörerisch.

Auch wenn es viele nicht gern hören, Gott, den wir den Allmächtigen nennen, hat uns allein die Macht der Liebe ins Herz gelegt, die Ohnmacht der Hingabe, die das Leben des anderen höher einstuft als das eigene Leben. Deshalb wird es höchste Zeit, alle Formen der Machtausübung in der Kirche auf den Prüfstand zu stellen, wie es Pater Mertes, der den Missbrauchs-Skandal am Canisiusstift ans Licht brachte, fordert. Wir brauchen eine Kontrolle auch der bischöflichen Autorität und transparente Strukturen und Beschwerdewege auch gegenüber der Geistlichkeit. Wörtlich fragt er: „Warum kann es nicht auch in der Kirche eine Gewalt geben, die nicht im Auftrag der Hierarchie, sondern in eigener Vollmacht Missbrauch und Amtsversagen untersuchen, Akteneinsicht fordern und in eigener Verantwortung die Öffentlichkeit informieren kann?“

Liebe Gemeinde, die Zurechtweisung des Petrus ist deshalb so harsch und für uns gerade darin so wegweisend, weil es in ihr um Macht und Ohnmacht, um Herrschen und Dienen geht. Der allmächtige Gott entäußert sich und wird ein Mensch – ohnmächtig liebend; die Menschen aber wollen die Macht; sie wollen herrschen und Einfluss haben. Dienen, sich hinten anstellen, ist spätestens seit der Konstantinischen Wende in der Kirche aus der Mode geraten.

Jesu Weg aber war keine Machtdemonstration, weshalb die Kirche gerade im Umgang mit Macht besonders sensibel sein muss. Wo Macht unkontrolliert ausgeübt wird, ist der Machtmissbrauch vorprogrammiert.

4,4% aller Geistlichen haben ihre Stellung missbraucht und schwere Verletzungen zugefügt. Und die Verantwortlichen haben, um den äußeren Schein der Moralität zu retten, vertuscht und geschwiegen. Die Angst vor dem Gesichtsverlust war größer als der Wille, dem Leben zu dienen; die Furcht vor dem Autoritätsverlust saß tiefer als der Auftrag, wahrhaftig, glaubwürdig Zeugnis zu geben von dem, der aus Liebe sein Leben hingegeben hat.

Wir – und da meine ich uns Geistliche – haben das Vertrauen verspielt und ich sehe derzeit nur einen Weg, dieses Vertrauen zurückzugewinnen: demütig den Spott und Hohn ertragen, der sich über uns ergießen wird; den Mut aufbringen, dieses Kreuz, das das Böse hervorgebracht hat, zu tragen, und allen Opfern zuzuhören und mit ihnen nach Wegen zu suchen, die dem Leben dienen. Unser Platz ist nicht in der ersten Reihe, unser Platz muss bei den Kleinen, den Armen und Geschundenen sein. „Das einzige“, so schreibt es die Meisterin christlicher Demut, die heilige Therese von Lisieux, „um das uns niemand beneidet, ist der letzte Platz, darum gibt es auf diesem Platz weder Eitelkeit noch Herzeleid.“ Lasst uns in der Nachfolge Jesus diesen Platz einnehmen, denn wer in dieser Weise sein Leben gering achtet, wird es gewinnen. Und lasst uns aber auch von den vielen Erfahrungen reden, wo uns Dank der Mehrheit der Priester heilende, lebensstiftende Momente geschenkt wurden.