Wofür wir uns öffnen

Wofür wir uns öffnen

Geneigte Leserschaft,

ich finde, es ist ja interessant zu sehen, wie die Gesellschaft zunehmend ihre eigenen Grenzen und Mauern aus Gleichgültigkeit gegenüber den Mitmenschen errichtet und durch die digitale Anonymität von Social Media und Co. noch verstärkt. Sicher haben Sie jetzt den Reflex zu sagen, dass dies bei Ihnen nicht der Fall sei. Als gute Christen pflegen Sie jeden Sonntag nicht nur Ihren Kontakt zu Gott, sondern nach der gemeinsamen Feier der Heiligen Messe auf dem Kirchplatz, mit einer Tasse Kaffee in der Hand, bei einem kleinen Schwätzchen mit Bekannten auch die Beziehung zu anderen Gemeindemitgliedern. Doch ist das wirklich die ganze Wahrheit?

Früher – und teilweise auch heute noch – meinte man ja, Grenzen müssten feste Mauern aus Stein, Stacheldraht oder Beton darstellen und am besten noch mit diversen Schießtürmen ausgestattet sein, um abschrecken zu können. Aber beim Nachdenken über diese Umstände bin ich zur Überzeugung gelangt, dass es das alles nicht mehr braucht. Heutzutage reicht es schon, wenn man sein Handy oder Tablet in die Hand nimmt, in die Paralleluniversum-artig anmutenden Weiten der digitalen Welt abtaucht und alle anderen Reaktionen und Aktivitäten seiner Umwelt ausblendet. Sie, liebe Eltern der jüngeren Generation, können wahrscheinlich ganze Choräle davon singen! Natürlich kann uns künstliche Intelligenz in vielen Bereichen helfen und ja, wir werden mit ihr leben müssen, ob es uns nun gefällt oder nicht. Doch muss es wirklich so enden, dass wir uns nur noch in unserer eigenen kleinen Welt personalisierter Angebote, Nachrichten und Meinungen bewegen und unsere Mitmenschen nur noch zu bestimmten Zeiten, Zwecken oder Aktivitäten wahrnehmen? Nein, muss es nicht! Denn materielle, geistige und digitale Grenzen sind – auch wenn es manchmal nicht so scheint – vergänglich wie das Laub an den Bäumen. Grenzen können sich öffnen, wenn wir es wollen, wenn wir sie öffnen, wenn wir uns öffnen!

Die modernen Grenzen der menschlichen Interaktion entstehen dann, wenn wir zulassen, dass Social Media unser Leben bestimmt oder sogar dominiert. Wir sollten also wiederentdecken, dass es jenseits von virtuellen Freundschaften eine reale, anfassbare und bunte Welt gibt und müssen uns fragen: „Wofür wollen wir uns öffnen?“

Gott hat uns eine Welt geschenkt, die auf gegenseitiges Vertrauen, auf Wertschätzung dem Anderem gegenüber und auf soziale Beziehungen wie Freundschaft und Liebe setzt, statt auf Einsamkeit, Ausgrenzung und Entfremdung von Mitmenschen. Soziale Medien können zwar die Freundschaftspflege unterstützen und fördern, aber eine echte Beziehung können sie nicht ersetzen. Wir haben letztendlich immer noch die Entscheidung zu treffen, inwieweit wir uns unserem Gegenüber öffnen möchten. Dies gilt im Übrigen auch für unsere Umwelt, denn wir haben es in der Hand, ob wir uns der Stimme der Natur öffnen wollen, die uns daran erinnert, dass wir als Christen neben dem Dienst am Nächsten auch den Auftrag haben, die Schöpfung Gottes zu bewahren. Doch wir sollten unsere Seele und unser Herz erst bereiten, um die wahre Schönheit von Gottes Schöpfung und Gott in unserem Mitmenschen zu erkennen.

So lasst uns denn die Technik mal beiseitelegen und uns daran erinnern, wie schön eine Begegnung mit anderen Menschen sein kann, wenn wir bereit sind, uns und unser Herz zu öffnen. Deshalb öffnen Sie sich und freuen Sie sich auf die nächste Begegnung mit Ihren Liebsten und wenn Sie mal wieder an der frischen Luft sind, so öffnen Sie Ihre Seele für die Schönheit der Natur und denken Sie daran, wie schön es ist, auf der Welt zu sein! 

In diesem Sinne genießen Sie den Frühsommer.

Ihr Aaron Wohlrab

Student aus Heilig Kreuz