„Was sollen wir also tun?“

ein mit gelben Herzen beklebtes Schaufenster eines Optikers

Predigt im Rundfunkgottesdienst am 3. Advent 2018

Lukas 3,10-18 in Heilig Kreuz am 15./16.12.2018

„Was sollen wir also tun?“ Wir, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, liebe Ge­mein­de, hören diese Frage in einem Land, in dem mehr übereinander als mit­einander geredet wird. Wir hören diese Frage in einer Zeit, in der jene, die sich für ein ge­rechteres Miteinander einsetzen als Gutmenschen und als Fantasten abgewertet werden. Und wir hören diese Frage in einer Kirche, die statt Leucht­turm zu sein, von Skandalen gebeutelt ist.

Gaudete – Freut euch, das fällt unter diesen Umständen schwer. Können wir etwas dagegen tun? Können wir überhaupt etwas tun? Oder sind wir nicht viel zu kleine Lichter, um gegen die Mächtigen, gegen die da oben, etwas aus­richten zu kön­nen? „Was also sollen wir tun?“

Einige Antworten des Täufers klingen minimalistisch. „Verlangt nicht mehr, als festgelegt ist! Misshandelt niemanden, erpresst niemanden, begnügt euch mit eurem Sold.“ Sich daran zu halten, scheint nicht besonders schwer zu sein. Schwieriger wird es, wenn wir die beiden ersten Forderungen hören: „Wer zwei Gewänder hat, der gebe eines davon dem, der keines hat, und wer zu essen hat, der handle ebenso.“ Das geht ans Eingemachte, denn wir leben in einer Gesellschaft, in der vielfach Überfluss herrscht und die doch von Neid und Gier angefressen ist. Teilen, solidarisch mit anderen leben – auch mit den Fremden – das scheint viele zu überfordern, und gehört doch zum Fundament christlichen Glaubens.

„Die Liebe des Gekreuzigten drängt uns auch zur helfenden Liebe. Ohne den Geist echter Liebe sind alle Maßnahmen des Staates und der Kirche nutzlos. Ohne wahres Verstehen und selbstloses Helfen im Kleinen und Großen wird die Flüchtlingsfrage eine lebensgefährliche Wunde für alle, die von gewissen­losen Hetzern bewusst verschlimmert wird. Um des Gekreuzigten willen be­schwöre ich euch: Lasst den Herrn in den Notleidenden nicht vergeblich rufen. Sonst entfernt das Kreuz von allen Wänden, holt es von allen Türmen.“

Diese Mahnung stammt nicht aus einem Aufruf unserer Tage. Sie stammt von Julius Kardinal Döpfner, der 1948 in einer Predigt den Menschen zurief, was zu tun sei. Mitmenschlichkeit ist und bleibt eine Grundforderung, denn wir glauben an einen Gott, der selbst Mensch geworden ist und der uns Menschen unendliche Würde verliehen hat.

Entgegen all dem Lärmen der Populisten sollten wir daher nicht nur von der Würde des Menschen reden, sondern sie aktiv schützen – egal, um welchen Menschen es sich handelt. Der Bundes­präsident hat die­selbe Würde wie das Kind, das auf der Flucht im Mittelmeer ertrinkt; die ver­folgte Christin dieselbe Würde wie der Ajatollah in Teheran, und ein gestrandeter Obdachloser auf unseren Straßen dieselbe Würde wie ein Nobelpreisträger in Oslo.

Wer einen Deutschen, einen Türken, einen Araber, einen Juden, Christen oder Muslim als Mensch ablehnt, lehnt Gott ab, denn wenn es Gott gibt, dann ist er der Gott aller Menschen. Wer das Leben anderer mindert, bedrängt oder gar zerstört, lehnt sich gegen Gott auf: egal, mit welchen Sprachbildern er seinen Gott bezeichnet, denn wenn es Gott gibt, dann will er das Leben für alle.

Was also sollen wir tun? Wir sollten es nicht gleichgültig hinnehmen, wenn im eige­nen Umfeld sprachlich beleidigend über andere geredet und geurteilt wird. Wir sollten die Komfortzone unseres Schweigens verlassen und den Mund aufmachen, wenn die Würde eines Menschen angetastet wird.

Denn von der verbalen Entglei­sung ist es nur ein kleiner Schritt hin zur Ab­wertung, zum unwerten Leben, und letztendlich zu Gewalt und Vernichtung. Wir können und dürfen uns nicht aus den Problemen unserer Tage heraus­halten. Wir können und dürfen uns nicht in die gemütliche, kirchliche Nische verkriechen, um dort – fern von allen Anfragen und Heraus­forde­run­gen – der eigenen Glückseligkeit entgegen zu warten.

Wer christlich leben will, darf nicht schweigen, wenn Leben bedroht wird. Wer das christliche Abendland verteidigen will, muss Maß neh­men an Jesus Christus, an dessen Geburt wir zu Weihnachten erinnern. Er wollte weder über andere herrschen, noch sich in seine kleine Welt zurück­ziehen. Er hat sich eingemischt, ausgesetzt und hinge­geben, um allen die bedingungslose Liebe des himm­lischen Vaters nahe zu bringen. Seine Hingabe führt alle in das un­fassbare Leben Gottes, in jene Gemeinschaft, die der Grund ist für die Freude, die uns schon hier und jetzt erfüllen soll.

Was, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, liebe Gemeinde, sollen wir tun? Unser Auftrag ist es, das Prinzip dieser Welt: die communio, die Gemeinschaft mit­einander und mit Gott zu leben. Unser Auftrag ist es, die Offenheit, die Christus praktiziert hat, nicht nur zu verkünden, sondern im Alltag erfahrbar zu machen. Unser Auftrag ist es, dem Leben zu dienen, dem eigenen und dem der anderen. Wo uns dies gelingt, wo wir miteinander und nicht gegeneinander leben, hat die wahre Freude eine Chance, jene Freude, die mehr ist als ein ober­flächliches Vergnügtsein.

Ich wünsche uns den Mut, im Gesicht eines jeden Menschen Gottes Antlitz aufleuchten zu sehen. Und ich wünsche uns die Kraft, die Mitmenschlichkeit nicht aufzugeben, damit Gaudete nicht nur der Name eines Sonntags ist, sondern als wahre, tiefe, innere Freude unser Leben prägt. Amen.   


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